
Die soziale Re-Use-Branche in Europa steht derzeit vor großen Herausforderungen – insbesondere im Bereich der Textilsammlung und -verwertung, der für viele soziale Betriebe das wichtigste wirtschaftliche Standbein darstellt. Ein aktuelles Beispiel aus Frankreich zeigt nun deutlich, dass staatliche Unterstützungsmaßnahmen für die Textilsammelbranche von der Politik zunehmend als notwendiges Instrument anerkannt werden. Unsere französischen Partnerorganisationen im europäischen Dachverband RREUSE – dessen Präsident Matthias Neitsch ist – konnten hier einen wichtigen Erfolg erzielen: Die französische Regierung hat eine finanzielle Unterstützung für Sammel- und Sortierbetriebe angekündigt. Diese Entwicklung wird auch von Akteur:innen der Kreislaufwirtschaft in anderen europäischen Ländern aufmerksam verfolgt.
Bedeutung für Österreich
Überträgt man den in Frankreich diskutierten Unterstützungsbetrag von 268 Euro pro Tonne auf die von unserem Netzwerk gesammelten Mengen, würde dies einer jährlichen Unterstützung von über fünf Millionen Euro für textilsammelnde sozialwirtschaftliche Mitgliedsbetriebe von Re-Use Austria entsprechen. In Österreich sind für die Textilsammlung in den meisten Fällen die Kommunen zuständig. Eine mögliche Finanzierung solcher Zuzahlungen würde daher in der Regel über kommunale Abfallgebühren erfolgen. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung aus anderen Ländern, dass diese Unterstützung langfristig wirtschaftlich sinnvoll ist: Sollten soziale Sammelpartner ihre Aktivitäten einstellen müssen, wären Kommunen gesetzlich verpflichtet, Sammlung und Vermarktung selbst zu organisieren – was in der Praxis aufgrund der fehlenden wirtschaftlichen Synergie mit der Arbeitsmarktförderung deutlich höhere Kosten verursachen würde. Gerade deshalb ist es wichtig, frühzeitig den Dialog zwischen sozialen Unternehmen, kommunalen Partnern, Abfallwirtschaftsverbänden und weiteren relevanten Stakeholdern zu suchen. Ein gemeinsames Verständnis der aktuellen Marktlage kann dazu beitragen, tragfähige Lösungen zu entwickeln und die Sammlung sowie die nachhaltige Verwertung von Textilien langfristig abzusichern.
Auch überregionale Stakeholder-Dialoge – etwa mit Sozialunternehmen, Kommunen, Abfallverbänden, Arbeitsmarktinstitutionen und Landesstellen – können dabei helfen, die Situation transparent darzustellen und gemeinsam tragfähige Unterstützungsmodelle zu entwickeln.
Hintergrund
Die französische Textilsammelbranche befindet sich – wie auch in vielen anderen europäischen Staaten – seit mehr als achtzehn Monaten in einer tiefen Krise. Ein wesentlicher Treiber ist der starke Anstieg der auf den Markt gebrachten Textilmengen, insbesondere durch den Boom der Ultra-Fast-Fashion. Gleichzeitig sind wichtige Exportmärkte für gebrauchte Textilien deutlich geschrumpft: durch Kriege werden Handelswege blockiert, galloppierende Inflation reduziert die Kaufkraft der Zielländer, und billige Ultra-Fast-Fashion macht sogar in den Zielländern der europäischen Gebrauchtkleidung massive Konkurrenz. Diese Entwicklung bringt Sammel- und Sortierbetriebe zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Die französische Regierung reagiert nun mit kurzfristigen Unterstützungsmaßnahmen. Der stellvertretende Minister für ökologischen Wandel, Mathieu Lefèvre, hat für das Jahr 2026 eine außerordentliche finanzielle Unterstützung für Sammel- und Sortierunternehmen innerhalb des bestehenden Herstellersammelsystems für Textilien angekündigt. Ziel ist es, eine Ketteninsolvenz in der Branche zu verhindern und die bestehenden industriellen Kapazitäten zu sichern.
Die Maßnahme basiert auf den Ergebnissen einer von der französischen Umweltagentur ADEME durchgeführten Blitzmission. Für das Jahr 2026 soll die Unterstützung auf 268 Euro pro Tonne erhöht werden. Damit soll ein wesentlicher Teil der tatsächlichen Nettosortierkosten gedeckt werden – in einem Marktumfeld, das derzeit durch strukturelle wirtschaftliche Ungleichgewichte geprägt ist.
„Die Unterstützung, die wir 2026 einführen, soll die Branche stabilisieren und ihre industriellen Kapazitäten erhalten, bis eine notwendige Strukturreform umgesetzt wird, die wir derzeit vorbereiten“, erklärte der stellvertretende Minister für ökologischen Wandel, Mathieu Lefèvre.
Ein entsprechender Änderungsbeschluss, der den bestehenden Rechtsrahmen übernimmt und die neue Unterstützungsstufe integriert, soll in Kürze zur öffentlichen Konsultation vorgelegt werden.
Strukturreformen des Systems der erweiterten Herstellerverantwortung
Neben der kurzfristigen Stabilisierung arbeitet die französische Regierung an einer umfassenden Reform der Strukturen des schon länger bestehenden Herstellerverantwortungssystems für Textilien, nicht zuletzt aufgrund der neuen Vorgaben der EU-Abfallrahmenrichtlinie. Ende März 2026 soll ein Szenario für die Neugestaltung des Systems vorgestellt werden.
Zu den zentralen Leitprinzipien gehören:
• eine stärkere wirtschaftliche Tragfähigkeit des Systems
• eine verbesserte Rückverfolgbarkeit von Textilströmen
• sowie der Aufbau einer leistungsfähigen nationalen Recyclingindustrie, um neue Absatzmärkte für gesammelte Materialien zu schaffen
Darüber hinaus haben die Ministerinnen und Minister Monique Barbut und Mathieu Lefèvre die Organisation Refashion beauftragt, bis 15. März 2026 einen Aktionsplan zur Einführung von Strafabgaben für Ultra-Fast-Fashion vorzulegen. Ziel ist es, besonders kurzlebige und ressourcenintensive Geschäftsmodelle stärker zu regulieren.


