
Mag.ª Michaela Gadermayr ist seit 1996 in der Halleiner Arbeitsinitiative (HAI) tätig und seit der Gründung der gemeinnützigen GmbH Ende 1997 deren eingetragene Geschäftsführerin – fast drei Jahrzehnte prägende Führung einer der ältesten und stabilsten sozialökonomischen Betriebe (SÖB) Österreichs. Unter ihrer Leitung wuchs die HAI von einem kleinen Projekt für arbeitslose Jugendliche zu einem professionell geführten Betrieb mit über 30 Transitarbeitsplätzen, zwei Secondhand-Shops und einem festen Platz im österreichischen Re-Use-Netzwerk. Im Juni 2026 feierte die HAI ihr 40-jähriges Bestehen mit rund 150 Gästen – ein Jubiläum, das untrennbar mit Gadermayrs 30-jähriger Führungstätigkeit verbunden ist. Wir von Re-Use Austria schauen auf die erfolgreiche Zeit von Michaela Gadermayer bei der HAI zurück!
Ein berufsbiografisches Porträt mit Fokus auf Arbeitsmarktintegration, Kreislaufwirtschaft und die lokale Sozialwirtschaft im Tennengau:
Phase 1 – Vorgeschichte und Einstieg (bis 1996)
Gadermayrs Weg in die Sozialwirtschaft war kein direkter. Nach der Matura arbeitete sie im Büro verschiedener Firmen, bevor sie nach der Geburt ihres Sohnes began Weiterbildungsveranstaltungen auf selbständiger Basis zu organisieren. Parallel dazu nahm sie ein Psychologie-Studium am zweiten Bildungsweg in Klagenfurt auf und schloss später ein Pädagogik-Studium in Salzburg ab – ein biografischer Bogen, der betriebswirtschaftliche Praxis, pädagogische Kompetenz und psychologisches Verständnis verbindet.
Der Wechsel zur HAI ergab sich aus einer Mischung aus Bekanntheit und Überzeugung: Die HAI war in Hallein bereits etabliert (der Verein bestand seit 1986), und Gadermayr faszinierte „die Idee, arbeitslosen Personen bei der Integration zu helfen“. Das soziale Thema war für sie der ausschlaggebende Grund, die Stelle anzunehmen. Sie trat 1996 ein – in einer Phase, in der die HAI noch als Verein mit 16 Transitarbeitsplätzen, „vorwiegend für Männer“, agierte.
Phase 2 – Aufbau und Konsolidierung (1996–2005)
Gadermayr kam in eine Organisation im Umbruch. Im Zuge der GmbH-Gründung 1997/98 – die HAI-Geschichte nennt das Jahr 1998, das Firmenbuch weist Gadermayr seit dem 16. Dezember 1997 als Vertreterin aus – wurde die gemeinnützige GmbH „nach modernen Unternehmenskriterien geführt“. Die Rechtsformumstellung war mehr als Formalie: Sie schuf die Voraussetzung für professionelles Controlling, klare Verantwortlichkeiten und die spätere Zertifizierung.
In diese Phase fallen die ersten Weichenstellungen, die die HAI bis heute prägen:
- 1999 Übersiedlung in das Objekt Wüstenrotstraße.
- 2000 Einführung eines Qualitätsmanagementsystems für den Kernprozess „Personalentwicklung“ – die Grundlage für die spätere Zertifizierung.
- 2001 Eröffnung des Verkaufsgeschä s „HAI-shop“ für restaurierte Möbel – der erste Schritt in den Re-Use-Handel.
- 2005 Umbenennung in „Fundgrube“ und Schaffung eines neuen Angebots für arbeitsuchende Frauen (Büropraktikumsstelle) (HAI – Geschichte).
Diese Phase ist programmatisch: Gadermayr etablierte eine Doppelstrategie aus betriebswirtschaftlicher Professionalisierung einerseits und sozialer Zielorientierung andererseits – die konsequenten Jahresabschlüsse, Quartalsberichte und die enge Fördergeberkommunikation, die sie heute als Kern ihrer Arbeit beschreibt, haben hier ihren Ursprung.
Phase 3 – Profilierung als Re-Use-Pionier und sozialökonomischer Betrieb (2005– 2016)
In dieser Dekade reifte das Profil, das die HAI überregional bekannt machte. Unter Gadermayrs Führung wurde aus einem Möbel- und Gebrauchtwarenladen ein integriertes Re-Use- und Integrationsunternehmen:
- 2010 Neuschaffung von 6 Arbeitsplätzen (vorwiegend für Frauen); Eröffnung des fair-kauf-Shops; Übersiedlung in die ehemalige Schuhfabrik Rohde
- 2012 Erstmalige Zertifizierung mit dem Gütesiegel für soziale Unternehmen (Quality Austria)
- 2014 Start der Alttextiliensammlung in Kooperation mit Struber Entsorgung; Aufbau von „Intensiv Coaching“/Casemanagement
- 2015 Kooperation mit Land und Regionalverband Tennengau: Bushaltestellenreinigung
- 2016 Erweiterung von fair-kauf um eine eigene Abteilung Textilien/Mode; 30-jähriges Firmenjubiläum; Start der Re-Use Schatzkiste (mit FH Holztechnologie Kuchl und Stadtgemeinde Hallein)
Zwei Entwicklungen sind hier besonders bedeutsam: Erstens die geschlechtersensible Erweiterung – mit dem fair-kauf konnten ab 2010 erstmals systematisch Frauenarbeitsplätze geschaffen werden, eine Lücke, die bis dahin bestand. Zweitens die strategische Verknüpfung von Arbeitsmarktintegration und Kreislaufwirtschaft: Die Alttextiliensammlung, der fair-kauf-Shop und die Schatzkiste am Recyclinghof Rif verbanden erstmals ökologische Wirkung systematisch mit sinnstiftenden Transitarbeitsplätzen. Gadermayr bringt diese Positionierung selbst auf den Punkt: Die HAI sei im Querschnittsthema „Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit“ gut positioniert.
Phase 4 – Professionalisierung, Standortwechsel und Digitalisierung (2016–2023)
Die zweite Hälfte von Gadermayrs Amtszeit war von Wachstum, Krisenbewältigung und dem Sprung ins Digitale geprägt:
- 2017 Kooperation mit der Modeschule Hallein (Upcycling-Projekte, Konsumdialoge).
- 2018 Gütesiegel zum dritten Mal; erste Jobbörse mit dem AMS Hallein; Schließung von „Intensiv Coaching“ (2014–2018 im Schnitt 33 Personen/Jahr unterstützt).
- 2019 Übersiedlung in die Salzachtalstraße 45; Neueröffnung des fair-kauf-Shops im Juli; offizielle Eröffnungsfeier im Oktober (der Salzschreiber).
- 2020 Corona-Krise: Schließungen des fair-kauf, „kontaktloses Shoppen“, Ausbau der Alttextiliensammlung, Online-Stellenplan der Textilcontainer.
- 2021 Eröffnung des LAGER fair-kauf und Erweiterung um 10 Arbeitsplätze (insgesamt 34); Gütesiegel zum vierten Mal.
- 2022 fair-kauf geht online mit WIDADO, dem Secondhand-Onlinemarktplatz der sozialwirtschaftichen Betriebe Österreichs; Instagram- und YouTube-Auftritt; Imagefilm.
- 2023 Massive Steigerung der Kundenfrequenz; Bewerberzahl für den 2. Arbeitsmarkt auf Höchststand seit Gründung.
Der Standortwechsel 2019 markiert dabei einen Wendepunkt: Die neue Halle im Gewerbe- und Industriepark von Dietfried Kurz bot erstmals Platz für zwei Shops auf zwei Ebenen und hat sich gut entwickelt wie Gadermayr betont. AMS und Land Salzburg trugen die Investitionskosten. Die Corona-Pandemie testete dann die Resilienz des Modells – und Gadermayr reagierte mit „kontaktlosem Shoppen“ und dem Ausbau der Textilsammlung, zugleich mit der Schaffuspeng zusätzlicher Corona-Arbeitsplätze auf Anfrage des AMS.
Der Sprung auf WIDADO ist strategisch bedeutsam: Über den Online-Marktplatz, auf dem ausschließlich gemeinnützige Secondhand-Verkäufer aus Österreich vertreten sind, vermittelt die HAI ihren Klientinnen und Klienten erstmals digitale Grundkompetenzen und selbstständiges Arbeiten – eine Brücke zwischen analoger Sortierarbeit und den Anforderungen des modernen Arbeitsmarkts.
Phase 5 – Vernetzung und überregionale Wirkung im Re-Use-Netzwerk
Gadermayrs Wirkung beschränkt sich nicht auf Hallein. Sie ist seit langem in den übergeordneten Netzwerken der österreichischen Sozialwirtschaft aktiv:
- Vorstandsmitglied von arbeit plus, regional für Salzburg.
- Mitglied der Steuergruppe für das Qualitätsmanagement des Gütesiegels für Soziale Unternehmen – sie gestaltet also die Standards mit, an denen ihr eigener Betrieb gemessen wird.
- Die HAI ist langjähriges Mitglied im Netzwerk von Re-Use Austria und wird als „Pionier der Kreislaufwirtschaft“ und „wichtiger Akteur im österreichischen Re-Use-Netzwerk“ gesehen.
- Über Re-Use Austria nutzt die HAI die Plattformen WIDADO und sachspenden.at.
Gadermayr selbst beschreibt die Netzwerke als strategisches Werkzeug: Gerade bei den sich häufig ändernden Richtlinien der Alttextiliensammlung sei die HAI „darüber gut informiert“ – Wissenstransfer und Interessenvertretung gehen hier Hand in Hand.
Strategie der Arbeitsmarktintegration – das methodische Kernstück
Gadermayrs Integrationsansatz ist kein Nebenprodukt des Re-Use-Geschäfts, sondern der Kern
des Betriebs. Die HAI versteht sich als Transitbetrieb: Langzeitarbeitslose oder von
Langzeitarbeitslosigkeit bedrohte Personen erhalten ein befristetes Dienstverhältnis (grundsätzlich max. ein Jahr, ausnahmsweise bis zu dreieinhalb Jahre bei bevorstehendem Pensionsantritt) und werden ganzheitlich auf die Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet.
Die fünf Säulen des Ansatzes
- Vertrauensbasis vor Zielvereinbarung – „In einem ersten Schritt bauen wir mit den
Männern und Frauen eine Vertrauensbasis auf und arbeiten dann gemeinsam an deren Zielen“, so Gadermayr. Die Unterstützung richtet sich individuell nach den Stärken der Klientinnen und Klienten. - Ganzheitliche Betreuung – Die HAI berücksichtigt Gesundheit, psychische Situation, finanzielle Lage, Persönlichkeit, Arbeitsverhalten, Familie, Sucht und Wohnen. Arbeit, Versicherung und Kurse (etwa Staplerkurse, Sprachkurse) werden mit laufender Beratung verbunden.
- Arbeitsanleitung und Personalentwicklung im Tandem – Beide Bereiche müssen „an einem Strang ziehen“ und ein gemeinsames Ziel verfolgen; die regelmäßige Abstimmung über die Entwicklung der Transitmitarbeitenden ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
- Vermittlungsprozess mit Schnupperpraktika – Nach etwa einem halben Jahr beginnen die
Klientinnen und Klienten, in verschiedenen Firmen zu „schnuppern“, um passende
Tätigkeiten auszuprobieren. Vermittelt wird vorwiegend in Verwaltung, Handel, Dienstleistung, Tourismus, Hausbetreuung. - Qualitätsmessung und Nachhaltigkeit – Die durchschnittliche Vermittlungsquote liegt bei rund 50 Prozent; Gadermayr selbst nennt 55 bis 60 Prozent. Die HAI werde, so ihre Wahrnehmung, „nicht ausschließlich dazu eingesetzt, Personen kurzfristig aus der Arbeitslosenstatistik herauszuholen“, sondern auf nachhaltige Integration angelegt.
Rolle im österreichischen Re-Use-Netzwerk
- Die HAI ist unter Gadermayr von einem regionalen Integrationsbetrieb zu einem sichtbaren Akteur der österreichischen Kreislaufwirtschaft geworden. Die Bausteine:
- Alttextiliensammlung im Großraum Tennengau (seit 2014, Kooperation mit Struber Entsorgung) – die gesammelten Textilien werden von Transitmitarbeitenden geprüft, sortiert und im fair-kauf wiederverkauft.
- fair-kauf als Herzstück – ein Secondhand-Shop, der zugleich Arbeitsplatzangebot, insbesondere für Frauen und Wiedereinsteigerinnen, ist.
- WIDADO – Teilnahme am sozialen Secondhand-Online-Marktplatz von Re-Use Austria; Vermittlung digitaler Grundkompetenzen an Klientinnen und Klienten.
- sachspenden.at – die HAI ist Teil der von Re-Use Austria und Tchibo initiierten Plattform, die die sozialwirtschaftliche Textilsammlung in Österreich sichtbar macht.
- Re-Use Schatzkiste in Rif – entwickelt mit der FH Salzburg (Holztechnologie und Holzbau Kuchl) und der Stadtgemeinde Hallein; Bürgerinnen und Bürger können gut erhaltene Gegenstände deponieren, die HAI prüft und verwertet sie.
- Bildungs- und Kooperationsarbeit – Exkursionen für Schulklassen, Kooperationen mit der Modeschule Hallein (Upcycling: aus einer Schallplatte eine Tasche, aus einem Fußballtrikot ein Minikleid).
Phase 6 – Vermächtnis und Bedeutung für Hallein (2026)
Im Juni 2026 feierte die HAI ihr 40-jähriges Bestehen mit rund 150 Gästen – langjährige Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, Fördergeber, ehemalige und aktuelle Transitmitarbeitende sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung. Re-Use Austria würdigte die HAI als „Pionier der Kreislaufwirtschaft“, der „seit ihrer Gründung im Jahr 1986″ zeige, „wie die Verbindung von sozialer Unterstützung und ökologischem Bewusstsein in der Praxis gelingen kann“.
Die AMS-Geschäftsführerin Jaqueline Beyer brachte die überregionale Bedeutung auf den Punkt: Die HAI sei „seit ihrer Gründung im Jahr 1986 ein unverzichtbarer Bestandteil der Arbeitsmarktpolitik im Bundesland Salzburg und ein wichtiger Partner des AMS“. Landesrat Christian Pewny betonte, die HAI sei „ein ganz wichtiges Angebot im Tennengau“.
Was Gadermayrs Wirken für Hallein bedeutet
- Kontinuität und Vertrauen – Fast drei Jahrzehnte konstante Führung schaffen eine Verlässlichkeit, die in der Sozialwirtschaft selten ist. Die HAI ist bei Fördergebern, Partnern und Klientinnen und Klienten „über Parteigrenzen hinweg positiv“ gesehen, wie Gadermayr selbst wahrnimmt.
- Doppelte Wertschöpfung – Unter ihrer Leitung verbindet die HAI soziale Integration mit ökologischer Wirkung: Jeder vermittelte Mensch und jedes gerettete Textil ist ein messbarer Beitrag zur Region.
- Infrastruktur für den Tennengau – Von der Bushaltestellenreinigung über die Betreuung der Recyclinghöfe bis zur Alttextiliensammlung erbringt die HAI Dienstleistungen, die die kommunale Infrastruktur ergänzen.
- Modellcharakter – Die vierfache Zertifizierung mit dem Gütesiegel und die Mitgliedscha in der Steuergruppe machen die HAI unter Gadermayr zu einem Referenzbetrieb für sozialökonomische Qualität in Österreich.
- Brücke in die Zukunft – Mit WIDADO, der digitalen Öffentlichkeitsarbeit und dem geplanten Engagement bei der BMK-Ausschreibung „Kreislaufwirtschaft“ hat Gadermayr die HAI für die nächste Phase gerüstet.

Fazit
Mag. Michaela Gadermayr hat in 30 Jahren Geschäftsführung die Halleiner Arbeitsinitiative von einem kleinen Jugendprojekt zu einem professionell geführten, mehrfach zertifizierten sozialökonomischen Betrieb geformt, der Arbeitsmarktintegration und Kreislaufwirtschaft in einem einzigen Geschäftsmodell vereint. Ihr Wirken zeigt, dass soziale Wirkung und betriebswirtschaftliche Stabilität keine Gegensätze sein müssen – vorausgesetzt, es gibt kontinuierliche Führung, klare Qualität und starke Netzwerke. Aber am wichtigsten war und ist das Vertrauen der Fördergeber AMS und LAND Salzburg in die HAI, ein partnerschaftlichen Umgang und eine Kontinuität bei der Vergabe der Fördermittel. Für Hallein und den Tennengau ist die HAI unter ihrer Leitung zu einer unverzichtbaren Säule der lokalen Sozialwirtschaft geworden.


