
Der Textilsektor steht am Scheideweg: Während die Flut an minderwertiger „Fast Fashion“ die Sortiersysteme weltweit an ihre Grenzen bringt, rücken neue EU-Vorgaben zur erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) immer näher. Wie kann unter diesem Druck der Vorrang von hochwertigem Re-Use gegenüber dem bloßen Faser-Recycling gewahrt bleiben? In dem jüngsten Webinar vom Ressourcenforum Austria diskutierten Expert:innen über die Zukunft der Textil-Kreislaufwirtschaft und die unverzichtbare Rolle der Sozialwirtschaft. Ein kurzer Rückblick zeigt hier warum die Verwertungskompetenz unserer Mitgliedsbetriebe nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch sozial unverzichtbar ist, um den kommenden Systemwechsel erfolgreich zu gestalten.
Am 18. März 2026 fand ein spannendes Webinar veranstaltet zum Thema „Textilien in der Kreislaufwirtschaft“ vom Ressourcenforum Austria statt, das sich intensiv mit den drastischen Umbrüchen im Textilsektor und der künftigen Rolle der Wiederverwendung auseinandersetzte. Im Zentrum der Diskussion standen die ökologischen und sozialen Herausforderungen durch Fast Fashion sowie die bevorstehenden gesetzlichen Änderungen auf EU-Ebene. Als langjähriger Akteur und Branchenstimme leistete Re-Use Austria dabei einen wesentlichen Beitrag: Geschäftsführer Matthias Neitsch beleuchtete in seiner Präsentation eindrucksvoll, warum die Sozialwirtschaft das Rückgrat einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft in Österreich bildet und welche strategischen Weichenstellungen nun notwendig sind, um Re-Use langfristig vor reinem Faser-Recycling abzusichern.
Ein Sektor im Wandel: Status Quo und Praxis
Das Webinar bot einen kompakten Überblick über die gesamte textile Wertschöpfungskette. Markus Meissner (pulswerk GmbH) verdeutlichte eingangs die strukturelle Herausforderung: Noch immer landet der Großteil der Alttextilien im Restmüll. Nur etwa ein Viertel wird getrennt gesammelt – eine Quote, die durch die seit 2025 geltende verpflichtende getrennte Sammlung massiv steigen muss.
Während Michael Bartmann (ARGE der Abfallwirtschaftsverbände) die rechtlichen Rahmenbedingungen und die notwendige Gestaltungshoheit der Gemeinden betonte, zeigten Praxisbeispiele die Bandbreite der Umsetzung: Der Abfallverband Schwechat präsentierte ein effizientes kommunales System mit hoher Sammelqualität, während das Modell Vorarlberg die erfolgreiche Symbiose zwischen Gemeinden und der Caritas als Best-Practice für sozialwirtschaftliche Kooperationen hervorhob.
Die Sozialwirtschaft als unersetzlicher Re-Use-Motor
Matthias Neitsch untermauerte in seinem Vortrag wiederum die zentrale Bedeutung der Sozialwirtschaft mit beeindruckenden Zahlen aus der Markterhebung 2024. Ein Kernaspekt: Wenn es um die hochwertige Wiederverwendung im Inland geht, ist die Sozialwirtschaft schlichtweg unersetzlich. Ganze 85 % der in Österreich verkauften Re-Use-Waren stammen aus sozialwirtschaftlichen Betrieben.
Besonders deutlich wird die Effizienz dieses Sektors beim Blick auf die Wertschöpfung: Während nur etwa 10 % der gesammelten Textilien im Inland verkauft werden können, generiert dieser kleine Anteil stolze 60 % der Gesamterlöse. Diese Mittel fließen zu 100 % zurück in soziale Projekte in Österreich, da in diesen Strukturen keine private Gewinnausschüttung stattfindet. Neben der Armutsprävention leistet der Sektor einen massiven Beitrag zum Arbeitsmarkt: Durch die kleinteilige Sortierung und den Betrieb der Shops werden zahlreiche Arbeitsplätze für benachteiligte Menschen in den Regionen geschaffen.
Akute Krisen und der Systemwechsel bis 2028
Trotz dieser Erfolge steht die Branche vor gewaltigen Herausforderungen, die sich gegenseitig verstärken. Akut belastet eine Exportabsatzkrise das System. Ursachen hierfür sind unter anderem die Flut an minderwertiger Fast Fashion in Europa und Afrika, die Devisenschwäche in afrikanischen Märkten sowie die Auswirkungen des Ukraine-Krieges.
Gleichzeitig bereitet sich der Sektor auf einen fundamentalen Systemwechsel vor: Die Einführung der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR). Der Zeitplan steht bereits fest:
- Oktober 2025: Voraussichtliches Inkrafttreten der EU-Abfallrahmenrichtlinie.
- Juni 2027: Abschluss der Umsetzung in nationales Recht.
- April 2028: Operative Implementierung des EPR-Systems.
„Es bleibt kein Stein auf dem anderen“, warnte Neitsch. Während die Sammelmengen weiter steigen, sinkt die Qualität der Textilien dramatisch, was den Fokus zunehmend in Richtung Recycling verschiebt und die Finanzierungsstrukturen völlig verändert.
Weichenstellungen für die Zukunft
Ein entscheidender Punkt der neuen EU-Regelungen ist der Schutz der Sozialwirtschaft. Es ist essentiell, dass soziale Unternehmen weiterhin eigene Sammelstellen betreiben dürfen und ihre Ware nicht zwingend an die großen Herstellersysteme abgeben müssen. Zudem muss die Sortierung künftig so gestaltet sein, dass die lokale Wiederverwendung (Re-Use) zwingend bevorzugt wird, bevor Recycling-Verfahren zum Zug kommen.
Für Re-Use Austria ist klar: Die kommende Herstellerverantwortung muss so gestaltet werden, dass sie die bestehenden, hochwirksamen Strukturen der Sozialwirtschaft nicht verdrängt, sondern stärkt.
Fazit: Transformation aktiv gestalten
Das Webinar machte deutlich: Die Alttextiliensammlung befindet sich in einer Phase der fundamentalen Transformation. Die Zeit der „Selbstläufer-Finanzierung“ ist vorbei; künftig braucht es stabile Rahmenbedingungen durch die EPR und eine klare politische Stärkung der Abfallhierarchie.
Das Gesamtfazit der Veranstaltung ist eindeutig: Eine echte textile Wende gelingt nur im Zusammenspiel aller Akteure – von den Gemeinden über die Hersteller bis zur Sozialwirtschaft. Um den Wert von Textilien zu erhalten, muss Re-Use als oberste Priorität gesetzlich und wirtschaftlich abgesichert werden. Die Sozialwirtschaft steht bereit, diesen Weg als Qualitätsgarant und Beschäftigungsmotor aktiv mitzugestalten.


