
Erinnerungen an die Kleiderschränke früherer Generationen rufen oft ein Bild von Beständigkeit hervor: schwere, verlässliche Mäntel oder Sommerkleider aus Baumwolle, die sich auch nach dreißig Jahren noch kühl und seidig auf der Haut anfühlen. Früher war Kleidung ein Begleiter für Jahrzehnte. In der heutigen Zeit ist sie hingegen oft zum „Snack“ für zwischendurch degradiert worden – schnell gekauft, kurz getragen und bald vergessen. Das Schneideratelier Alina Dax in Wien, Fördermitglied von Re-Use Austria, will hier dagegenhalten.
Das Schneideratelier Alina Dax in der Siebensterngasse in Wien verdeutlicht, wie ein Wandel in Sachen Textil in der Praxis aussieht. Ein Vintage-Rock aus festem, handgewebtem Leinen – von einer Qualität, die im modernen Massenmarkt kaum noch existiert – fand dort eine neue Bestimmung. Da der Schnitt nicht mehr zeitgemäß war, wurde das Stück nicht entsorgt, sondern als wertvolle Ressource betrachtet.
Das Ergebnis dieses Re-Design-Prozesses: Der Rock wurde komplett zerlegt. Aus einem Teil entstand eine moderne Weste, aus dem Rest ein minimalistischer Minirock. Dies beschreibt das Kernkonzept von Re-Design: Es geht nicht nur um das Stopfen von Löchern, sondern darum, das Potenzial eines Stoffes zu erkennen und ihn durch handwerkliches Geschick in die Gegenwart zu holen. Altes bewahren steht hier klar vor Neukauf.
Ein konsequentes Nein zu Fast Fashion
Im Schneideratelier Alina Dax herrscht eine strikte Linie: Fast Fashion wird nicht zur Bearbeitung angenommen. Der Grund liegt in der mangelnden Substanz dieser Kleidung. Schwache Nähte und Stoffe, die bereits nach wenigen Wäschen ihre Form verlieren, widersprechen dem Gedanken der Langlebigkeit.
Die Mission lautet Zero Waste. Gearbeitet wird ausschließlich mit hochwertigen Materialien, Vintage-Schätzen und Naturstoffen wie historischem Bauernleinen. Das Ziel ist es, dass jedes Teil, das das Atelier verlässt, das Potenzial besitzt, wieder zu einem wertvollen Erbstück zu werden.
Upcycling als Statement gegen die Wegwerfgesellschaft
Upcycling ist weit mehr als ein kurzfristiger Trend; es ist eine Lebenseinstellung und ein Werkzeug, um den textilen Kreislauf zu schließen. Wenn Spitzenreste genutzt werden, um ein Loch in einem Kaschmirpullover kunstvoll zu „patchen“, handelt es sich nicht um einen Notbehelf. Vielmehr stellt es eine Veredelung dar.
Ein bewusster Blick in den eigenen Kleiderschrank kann dabei helfen, verborgene Schätze zu entdecken. Bevor ein Kleidungsstück aussortiert wird, lohnen sich folgende Überlegungen:
- Weist der Stoff eine hohe Qualität auf?
- Erzählt das Stück eine persönliche Geschichte?
- Besteht die Möglichkeit, daraus etwas völlig Neues zu kreieren?
Handwerkliches Erleben in der Siebensterngasse
Nachhaltigkeit beginnt im Kopf, wird aber erst durch das Handwerk greifbar. Im Atelier in der Siebensterngasse besteht die Möglichkeit, in die Welt der Stoffe einzutauchen und die Haptik von echtem Leinen zu erfahren. Dort wird gemeinsam analysiert, wie vermeintliche „Schrank-Hüter“ wieder zum Strahlen gebracht werden können.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Das nachhaltigste Kleidungsstück ist jenes, das bereits existiert – und das durch Wertschätzung und Handwerk so sehr geliebt wird, dass es niemals hergegeben werden muss.


