
Ein aktuelles Policy Paper des Hot or Cool Institute kommt zu einem klaren Befund:
Das globale Modesystem ist zu groß geworden – und genau das ist sein zentrales Problem. Überproduktion und Überkonsum treiben Klima , Umwelt und Sozialkrisen voran. Effizienzgewinne, Recycling und „grünere Produkte“ reichen nicht aus, solange immer mehr Kleidung immer schneller auf den Markt kommt.
Für Re Use Austria bestätigt die Analyse, was soziale Re-Use-Betriebe seit Jahren erleben:
Ohne eine Reduktion der Textilmengen wird die ökologische Wende nicht gelingen – und Re-Use bleibt ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Ein System im Wachstumszwang
Die Zahlen sind deutlich: Textilproduktion und konsum wachsen seit Jahren deutlich schneller als die Weltbevölkerung. In der EU werden große Mengen an Kleidung produziert, gekauft – und nie getragen. Gleichzeitig sinkt die durchschnittliche Nutzungsdauer von Kleidungsstücken rapide. Das Policy Paper zeigt: Die ökologischen Folgen (CO₂ Emissionen, Wasserverbrauch, Mikroplastik, Abfall) und die sozialen Kosten (Niedriglöhne, prekäre Arbeitsbedingungen, vor allem für Frauen) sind kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis eines Systems, das auf billige Inputs, schnelle Trends und hohen Durchsatz ausgelegt ist.
Warum Effizienz alleine nicht reicht
Besonders kritisch ist die Analyse der derzeit dominierenden Kreislauf und Effizienzstrategien. Längere Haltbarkeit, Recycling oder auch wachsende Secondhand Märkte sind wichtig – aber sie lösen das Problem nicht automatisch. Der Grund sind sogenannte Rebound-Effekte: Effizienzgewinne werden durch steigende Produktions- und Konsummengen mehr als aufgehoben. Secondhand-Angebote ersetzen Neuware oft nicht, sondern kommen zusätzlich dazu – insbesondere bei jungen Konsument:innen. Die Konsequenz: Solange das System auf Wachstum programmiert bleibt, werden selbst gute Re-Use und Recyclingansätze überrollt.
Vier strukturelle Bremsklötze im Modesystem
Das Policy Paper identifiziert vier zentrale „Lock ins“, die Überproduktion und Überkonsum stabilisieren:
- Billige synthetische Fasern aus fossilen Rohstoffen
- Unfaire globale Lieferketten mit extremem Preisdruck
- Werbung und soziale Medien, die permanent neue Bedürfnisse erzeugen
- E Commerce Modelle, die impulsives Kaufen fördern (Gratisversand, Gratisretouren, „Buy now – pay later“)
Solange diese Strukturen unangetastet bleiben, bleibt nachhaltige Mode die Ausnahme – und Fast Fashion der Standard.
Suffizienz: Die fehlende politische Dimension
Zentraler Vorschlag des Papiers ist eine Verschiebung des politischen Fokus:
Von reiner Effizienz hin zu Suffizienz – also dem bewussten Reduzieren von Produktions- und Konsummengen auf ein sozial gerechtes und ökologisch verträgliches Maß.
Das bedeutet nicht Verzicht um jeden Preis, sondern:
- weniger Neuware,
- längere Nutzung,
- bessere Qualität,
- gerechtere Wertschöpfung.
Für Re-Use Austria ist das ein entscheidender Punkt: Re-Use ist kein „Nice to have“ innerhalb eines Wachstumssystems, sondern ein Kernelement einer suffizienten Textilpolitik.
Was heißt das aus Sicht von Re-Use Austria?
Aus dem Policy Paper lassen sich klare politische Schlussfolgerungen ableiten:
- Suffizienz muss explizites Ziel der EU Textilpolitik werden – inklusive konkreter Ziele zur Reduktion von Textilmengen.
- Extended Producer Responsibility (EPR) muss so gestaltet sein, dass Abfallvermeidung und Re-Use klar vor Recycling stehen.
- Sozialwirtschaftliche Re Use Betriebe müssen als eigenständige Infrastruktur anerkannt und finanziert werden – nicht nur als „Abfallbehandlung“.
- Marktverzerrende Geschäftsmodelle (Ultra Fast Fashion, Gratisretouren, aggressive Rabatt- und Kreditmodelle) brauchen klare regulatorische Grenzen.
- Qualitätsanforderungen für Secondhand-Exporte sind notwendig, um Umweltprobleme in anderen Weltregionen zu vermeiden.
Kurz gesagt: Re-Use braucht weniger Marktlogik und mehr Strukturpolitik.
Re-Use als Teil der Lösung – nicht als Feigenblatt
Das Policy Paper stärkt eine zentrale Position von Re-Use Austria: Ohne systemische Veränderungen droht Re-Use instrumentalisiert zu werden – als grünes Feigenblatt für ein weiterhin wachsendes Modesystem. Mit den richtigen politischen Rahmenbedingungen kann Re-Use jedoch genau das leisten, was jetzt gebraucht wird:
- reale Abfallvermeidung,
- lokale Wertschöpfung,
- soziale Integration,
- und einen fairen Umgang mit Ressourcen.
Weniger Mode – besser genutzt – sozial verankert. Das ist kein Rückschritt, sondern ein entscheidender Schritt Richtung Zukunft.


